Aus dem indogermanischen Begriff für »fließen« entstand der Name des Flusses und in der Tat, er fließt und das nicht zu knapp. Den Mittelrhein, von Mainz bis Bonn, haben schon die Römer besiedelt, das Mittelalter hat ihm unzählige Burgen beschert, samt schauriger oder rührseliger Rittergeschichten - höchste Zeit also, dass auch Klausdorfer Kanuten ihren Anteil zur Historie beisteuerten.
Im Herbst 2006 war es soweit, bald nach ihrem Start in Mainz paddelten sie durch eine Gegend, die einer Modelleisenbahnlandschaft gleicht, beidseitig des Flusses erhebt sich das rheinische Schiefergebirge, teils tief bewaldet, teils mit Weinbergen kultiviert. Kleine Ortschaften mit langgezogenen Häuserzeilen drängeln sich auf dem knappen Raum zwischen Hang und Fluss, in kaum unterbrochener Folge verkehren auf beiden Ufern die Eisenbahnzüge. Das Paddeln auf dem Rhein war nicht anspruchslos, unentwegt schob der Strom sie voran, erstaunlich hohe Wogen und Schiffsverkehr verlangten nach Aufmerksamkeit - man wollte ja nicht, wie mancher Schiffer vorher, Opfer der Loreley oder des Binger Lochs werden.
Am Anfang stand die Weser. Nachdem Marita im Vorjahr die Vorzüge einer Flussfahrt zu zweit kennengelernt hatte, verlangte sie nach mehr und bekam es auch. Zunächst einmal in Gestalt zweier weiterer Begleiter, des notorischen Nordseepaddlers Reinhard und seiner allerliebsten Gattin Ingrid, später dann auch in Form einer exklusiven Rheindusche. Eine außerordentlich humorvolle Welle nämlich rollte nur über sie hinweg, während die Kollegen rechts und links, nur jeweils einen Meter entfernt, trockenen Hauptes diesem sonderbaren Schauspiel zuschauen konnten. Ein weiterer Mitfahrer nahm gar freiwillig ein Vollbad im Fluss, zum Abschluss der ersten Etappe in Bacharach. Dieser malerische Ort, inmitten des Weltkulturerbes Mittelrhein gelegen, veranstaltete just zur Ankunft der Paddler sein jährliches Weinfest, gewürzt mit kräftigen Regenschauern und dirndlbekleidetem Gesangsduo. Einen Absacker zur Nacht bescherte ihnen eine Gaststätte mit dem unübertrefflichen Namen »Zur Gaststätte«.
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Am nächsten Morgen hieß es, direkt aus dem Schlafsack ins Boot zu hechten, unter hastig zusammengeraufter Mitnahme sämtlichen Gepäcks. Pfalzgrafenstein war das nahe Ziel, dort sollte ein opulentes Geburtstagsfrühstück zelebriert werden. Leider zeigte sich die mitten im Rhein gelegene Burg von Baugerüsten umzäunt und mit Dixie-Klo verziert. Tapfer stürzten sich die vier erneut in die quirligen Fluten, bis irgendwann ein uriger Strand zur Pause einlud. Dann nahm der Tag seinen weiteren Lauf, mit stetiger Strömung und weiteren, munter plaudernden Paddlern. Kamp-Bornhofen wurde angesteuert, die knappen Weinvorräte wollte man dort ergänzen, doch der Ort siechte wie ausgestorben vor sich hin, passenderweise könnte man seinem Ufer gerne den stinkenden Fischkadaver eines ganz anderen Strandes hinzudichten. Doch die Erlösung war nicht fern, erst die Mündung der Lahn, dann die der Mosel und mit ihr das »Deutsche Eck«! In Koblenz fanden sie Unterkunft auf dem Campingplatz, direkt am Fluss gelegen und zum Schutz vor Eindringlingen mit einem nahezu himmelhohen Drahtzaun versehen. Gibt es eigentlich auch »Ausdringlinge«? Unter den dortigen Wohnwagentouristen jedenfalls nicht. Als die Kajaker, mittels eines Schlüssels aus der Rezeption, ein Tor im Zaun öffneten, fand Reinhards freundliche Ermunterung »Sie können jetzt auch mal raus« nicht das geringste Echo. Später staunten die Dauercamper nicht schlecht, was alles in so kleine Boote passt, während die Kajakfahrer wiederum den asketischen Minimalismus der benachbarten Fahrradreisenden bewunderten. Ein mystisch erleuchteter Kaiser am gegenüberliegenden Ufer beschützte sie alle in einer friedvollen Nacht.
Rheinabwärts von Koblenz wurde die vortags noch beeindruckende Berglandschaft zunächst von platter Ebene abgelöst, deren Ufer von Industriewerken und einem stillgelegten Atomkraftwerk gesäumt sind. Ab Andernach aber drängen die Ausläufer des Siebengebirges an den Fluss, auf dem sich auf- und abwärts reger Schiffsverkehr bewegte. Dem galt es immer mal wieder zur einen oder anderen Seite in halbwegs geordneter Formation auszuweichen, was größtenteils gelang. Bisweilen aber setzte sich ungezügelter Individualismus durch - da kam es einem doch plötzlich in den Sinn, Pause machen zu wollen, flugs scherte er aus, zweie konnten ihm gerade noch folgen, während eine Paddlerin ungerührt weiterfuhr. Nach kurzem Zaudern entschloss sich einer der drei, die Davongeeilte einzuholen, was schnell gelang. Weniger zügig war dann der Weg zurück gegen die Strömung und erfolglos obendrein, mittlerweile nämlich hatte eine der Verbliebenen die Pause sausengelassen und kam den beiden entgegen. Was zur Folge hatte, dass die eine der beiden gerade flussaufwärts kämpfenden Paddler doch lieber wieder den bequemeren Weg flussabwärts suchte. Der andere gab nicht auf und traf dann schnaufend auf den ausgeruhten Kollegen. Kann man dem noch folgen? Friedlich vereint in trauter Gemeinsamkeit paddelten sie anschließend und unentwegt weiter, spazierten später durch Leutesdorf und trafen dort zufällig auf einen vermeintlichen Elektriker. Welch Glückes Geschick! Entpuppte sich der doch in Wirklichkeit als Winzer, dessen Vorräte sie alsbald schamlos reduzierten.
Am Ende des dritten Tages erreichten sie Bonn. Breit strömt dort der Rhein, die Ufer dämmern dahin im Glanze vergangener Regierungsherrlichkeit. Ein Kieselstrand fand sich und dahinter das Gelände des PSV Bonn - das Ziel war erreicht. Die telefonisch herbeigerufene Präsidentin der Kanuabteilung übergoss die Klausdorfer mit herzlicher Gastfreundschaft, bot auch das Vereinsheim zur Übernachtung an. Doch die vier Rheinbezwinger blieben draußen, spannten die Tarps und vermengten ihre restlichen Lebensmittelvorräte zu einem furiosen Abendessen, dessen überbordender Knoblauchgehalt sie unantastbar machte vor jeglicher nächtlichen Gefahr. In aller Frühe begab sich am nächsten Morgen der männliche Teil der Reisegruppe auf den Weg, das zurückgelassene Kraftfahrzeug nachzuholen, währenddessen der weibliche Anteil sich um den Abbau der Zelte verdient machte und die wohlgeordnete Verpackung allen Gerödels. Dann ging es zurück, Blicke auf den Kölner Dom, irgendeine Autobahnraststätte irgendwo, aus dem Dunkel heraus in den taghellen Elbtunnel, das Bootshaus an der Schwentine ...
Matthias