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Schärenidyll und Großstadtflair – Episoden aus elf Tagen Schwedenpaddeln

August 2010: Zu sechst erkunden wir mit unseren Booten das Gebiet zwischen Mälaren und Stockholmer Schärengarten. Elf Tage sind wir auf Tour. Elf Tage lang genießen wir Schärenidylle und Stockholmer Großstadtflair. Wir wandeln in Birka auf den Spuren mittelalterlichen Handels und erster Christianisierungsversuche. Auf Granholmen und Kymmendö entdecken wir die Tücken der schwedischen „Wildnis“. Und auf dem Weg dazwischen bieten unsere Tagesetappen von durchschnittlich 25 Kilometern ordentlich Abwechslung: von spiegelglatter Wasseroberfläche bis zu Rückenwind, der unsere voll gepackten Boote zu spaßigen Surfaktionen einlädt, ist alles dabei.

 




Das soll also alles mit...

Packen

Ein immer wieder auf’s Neue spannendes Kapitel ist das Packen. Bekomme ich den Klamotten- und Lebensmittelberg, der noch vor wenigen Stunden mein Wohnzimmer zierte und dann für’s Auto auf eine Klappkiste und eine gut vollgestopfte IKEA-Tasche komprimiert wurde, echt ins Boot? War es gewagt, nicht in der heimischen Garage zur Probe zu packen? Nein, war es nicht! Ich für meinen Teil bin auch nach elf Paddeltgen zufrieden mit der ausgefeilten Logistik, die sich hinter einem vermeintlich bunt zusammengewürfelten Haufen an Packsäcken und liebevoll einzeln abgepackten Müsli- und Nudelportionen verbirgt - wenngleich vom Nachbarboot ausgehende morgendliche Jubelschreie der Kategorie „juchu, fertig mit Packen!“ zugegebenermaßen nicht gerade motivierende Wirkung haben, wenn man selbst noch mit dem Kopf in der Vorderluke steckt, um das vakuumisierte Bratwurstpaar auch ja an der IDEALEN Stelle zu platzieren...

 



Und täglich grüßt… das Aquashell!

Ein Thema, das uns alle bis weit nach Schweden 2010 verfolgen wird, ist die Frage nach der perfekten Paddelbekleidung. Ist es das dünne, atmungsaktive Allround-Sportshirt? Die vor allem bei Kenterungen unglaublich vorteilhafte Jeans samt Polohemdchen? Oder siegt eventuell doch das neumodische Aquashell? Ganz einig ist sich die Truppe auch am Ende der Tour nicht. Während wir alle immer wieder auf’s Neue verblüfft sind, wenn unser Scout Gerhard NOCH ein frisches Pololeibchen aus den Tiefen seines Schiffes zaubert, amüsiert sich dieser prächtig über das „Aquashell-Team“. Dieses allerdings besteht aus nur drei Teilnehmern. Vergrößern wird es sich wohl vorerst auch nicht, lautet Doros Erkenntnis des Schwedensommers doch: „Solange es da geruchsmäßig keine Verbesserung gibt, kaufe ich kein Aquashell!“

 




Stockholm am Abend

Stadt und Schären

Ein großes Plus dieser Tour liegt an der landschaftlichen Abwechslung. Mälaren – Stockholm – Schärengarten. Die Kontraste liegen auf der Hand. Auch wenn es uns mitunter schwerfällt, in Worte zu fassen, was genau an diesem oder jenem Felsen so besonders ist, nehmen wir die schleichende Veränderung doch deutlich wahr. Dem ohrenbetäubenden Motorbootdröhnen vor Vaxholm steht absolute Stille auf Kymmendö entgegen. Der kleine Fischhafen, den wir – irgendwo zwischen Österskägga und Granholmen – auf der (leider erfolglosen) Suche nach frischen Krebsen entdecken, bildet die Gegenwelt zur Stockholmer Fähr- und Kreuzfahrtschiffkulisse. Auch die hat ihren Reiz, den wir genauso genießen wie das abendliche Dahingleiten durch die Segelboot gesäumten Kanäle der Hauptstadt oder das verträumte Beobachten fast kitschig-schöner Sonnenuntergänge von warmen Felsenplätzen aus…

 



Chef und Scout

Sie ist unbedingt ein eigenes Kapitel wert: unsere Fahrtenleitung. Ein Team, das sich kaum besser ergänzen könnte. (--> „Was sagt denn deine Karte? Wo müssen wir lang?“ „Weiß ich nicht. Meine beginnt erst bei Insel XXX.“) Wir haben vollstes Vertrauen. Von der morgendlichen Routenplanung bis zur abendlichen Arbeitsteilung („Kümmere du dich ums Zelt! Ich bau’ das Tarp auf.“) erwecken „Chef“ Thomas und „Scout“ Gerhard den Anschein eines eingespielten Teams. Spontan wird an einer Engstelle aus den Booten geklettert, um den Damen beim Passieren zu helfen. Mit Bedacht werden nach Erreichen der Etappenziele die Plätze für’s Nachtlager gewählt. Nicht zu vergessen: ohne Murren und großes Trara werden die Launen der vier Paddelweibchen ertragen. Respekt!

 



Schwedische Verführung

Wer denkt, so ein zweiwöchiger Paddelurlaub sei ganz automatisch mit einem sportlich-vorzeigbaren Gewichtsverlust verbunden, der irrt. Jedenfalls, wenn einen der Urlaub nach Schweden und dort nicht in die völlige Abgeschiedenheit führt. Eine Zimtschnecke in Birka. Beerentorte mit Streuseln in Hägersten. Apfelkuchen mit Vanillesauce in Vaxholm. Dazu Kaffee satt… Hier zu widerstehen, ist quasi unmöglich. Und dann sind sie eben auch einfach viel zu gemütlich, die schwedischen Cafés, die wir allesamt bei Landgängen doch recht gerne aufsuchen!

 

 



„Damals, 1977…“

Die Zeiten ändern sich. Das muss auch unsere Führungsebene einsehen, als ein einst (sprich: in den 70ern) so schöner Übernachtungsplatz im Jahre 2010 in der Bewertung herabsinkt auf das Prädikat „Verlegenheitsplatz“. Zur Erklärung: Recht gerne erinnern sich Thomas und Gerhard tagein, tagaus an diese und jene Anekdote längst vergangener Tage: 1977 waren sie schon einmal hier. Mit der Klausdorfer Jugendgruppe. „Weißt du noch, damals, 1977…“ – nach elf Paddeltagen kann auch der Rest der Gruppe so manche Geschichte unfallfrei zum Besten geben und weiß, dass so mancher Zeltplatz 1977 noch nicht von Schilf gesäumt war... (Charlotte und ich jedenfalls wollen der Tradition folgen und haben UNSERE Revivaltour schon längst beschlossen!)

 



Von Mücken, Zecken und Schafen

Die schwedische Wildnis hat es schon in sich. Nicht, dass wir etwa - wie zumindest teilweise sehr gewünscht - Elche in freier Wildbahn gesehen hätten. Nein, nein! Wir gehen lieber gemeinsam in die abendliche Mückenabwehr. Inga und ich halten den Zeckenrekord (3 an einem Tag).

Doro und Thomas legen im Umgang mit allzu neugierigen Schafböcken recht unterschiedliche Herangehensweisen an den Tag: während Doro ihr Zelt auf Granholmen recht erfolglos im Stil des spanischen Stierkampf verteidigt, lehrt uns unser Fahrtenleiter, wie man den tierischen Störenfried „am Griff“ fachmännisch vom eigenen Abendbrot fernhält. --> Danke!

 

 




Gruppenphoto nach der Ankunft in Nynäshamn

Leid und Luxus der Zivilisation

Manchmal liegen Leid und Luxus unglaublich nah beieinander. So auch, als wir nach elf Paddeltagen unser Endziel, den Campingplatz von Nynäshamn, erreichen. Zwar ist der Platz Dank Duschmöglichkeit der Inbegriff von Luxus nach tagelangem Ganzkörperkneippen mit Bioseife. Auch der abendliche Marsch zu „Nynäs Pizza“ ist nicht zu verachten. Doch über die Tatsache, dass dieser Urlaub nun sein Ende erreicht hat, täuscht dies alles nicht hinweg. Ich werde es schon erst mal vermissen, das morgendliche Zeltabbauen. Die nur vom Platschen der Paddelschläge durchbrochene Ruhe auf dem Wasser. Und vielleicht sogar ein ganz klein wenig die Heerscharen schwedischer Mücken. Denn immerhin war’s dort, wo sich diese heimisch fühlten, landschaftlich doch meist recht schön…


 

Weitere Fotos sind unter Fotos Seekajak zu finden (hier klicken).

(Andrea C. Bayer)


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