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Lange waren es nur Wunschträume, im Sommer 2006 aber schritt Frau Lehmann zur Tat, im brandneuen, noch ungetauften Kajak, und brach auf zu ihrer Jungfernfahrt in´s Wattenmeer. Am Freitagabend ging´s nach Hooge, wo ihr bald darauf die Ehre einer Privataudienz vor dem Zelt des legendären Eckehard Schirmers zuteil wurde. Gerührt von soviel Gnade krabbelte sie später, es ging schon auf Mitternacht zu, in´s Zelt ihrer Begleiter - um dort, ganz nach Art der beiden Kerle, einen letzten Becher Rotwein zu leeren.
Wer zum ersten Mal auf der Nordsee unterwegs ist, macht stets neue Erfahrungen, so auch Frau Lehmann. Am Rande des Schweinsrückens war´s, als man kurz innehielt, um Kurs und Tide zu besprechen, da brachte sie die Lage auf den Punkt: »Es ist also so, dass das Wasser mal kommt und dann wieder geht!« Dieses profunde Verständnis der Verhältnisse veranlasste die Fahrtengenossen, ihr umgehend die Nordseebefähigung (1. Grad) zu verleihen.
Frau Lehmann musste recht viel paddeln an diesem Wochenende, rund 90 Kilometer, einmal meinte sie gar, an die Grenze ihrer Paddelfähigkeit gegangen zu sein. Angesichts der Tatsache, dass weite Teile des östlich Amrums gelegenen Watts zu Fuß bewältigt wurden, mit den Kajaks an der Leine, schien diese Klage zunächst nicht ganz glaubwürdig. Anderntags offenbarte sich dann aber doch eine gewisse Erschöpfung, denn zur schon sprichwörtlichen morgendlichen Sprachlosigkeit der Debütantin gesellte sich ihre Unfähigkeit zum rechtzeitigen Weck- und Küchendienst.
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Andererseits konnte sie soziales Verständnis beweisen. »Setzt mal rote Mützen auf, damit man Euch sehen kann!« Völlig unberechtigt war dieser Ausruf von Bord einer Segelyacht; soeben hatten die Kajaker ganz vorschriftsmäßig ein Fahrwasser gequert und dem Segler respektvoll die Vorfahrt gewährt. Frau Lehmann ärgerte sich nicht, sondern ruhte in der Gewissheit, dass nun der Skipper sein Bedürfnis an Maulereien befriedigt habe und seine Frau einen friedlichen Sonntagvormittag verleben könne.
Auf einer Nordseetour erlebt man nicht nur weite Wasserlandschaft, Wind und Wogen, Regen (diesmal nicht) und Sonne, auch künstlerische Momente finden sich. So geschah es Frau Lehmann, als sie am späten Abend schon wieder im Zelt der Kollegen hockte. Das Halbrund der Zeltöffnung war der Rahmen, darin bot sich den dreien ein Bild, wie von Edward Hopper gemalt. Die Stege des Seglerhafens von Wittdün und die vertäuten Boote, in orangenes Licht getaucht unter´m nachtschwarzen Himmel. Wenig Bewegung, nur ab und zu tauchen schattengleiche Figuren auf und verschwinden wieder. Schon werden Wetten abgeschlossen, kommt die nächste Person von links oder rechts? Frau Lehmann gewinnt, von rechts kommt erst wieder eine am nächsten Morgen.
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Die Leuchttürme unserer Küsten, insbesondere die der nordfriesischen, sind bekanntermaßen ein unstetes Volk. Packen sich des Abends ihr Licht auf die Schulter und sausen den Küstensaum auf und ab, um Seefahrern den rechten Weg zu weisen. Was aber längst nicht jeder weiß: tagsüber stehen sie regungslos herum und rühren sich nicht. Zu dieser finalen Erkenntnis gelangte auch Frau Lehmann und fasste östlich von Ost-Bordelum, kurz nach Abschluss der Fahrt, ihr Staunen in diese Worte: »Gestern, als wir Amrum umrundeten, schien es mir, als bewege der Leuchtturm von Wittdün sich nicht von der Stelle!«
Matthias (mit literarischer Unterstützung von Peter Hoeg und Bertolt Brecht)
Zur Erklärung: von Hoeg stammt das Buch »Fräulein Smillas Gespür für Schnee«, von Brecht die »Geschichten des Herrn K.«.